Nennt mich Ishmael.
Es gibt in Diablo III einen Legendary Ring mit niedrigem Level namens Leoric’s Signet (Leorics Siegelring). Dieser Gegenstand ist für Spieler mit niedrigem wie mit hohem Level nützlich und kostet im Auktionshaus zwischen 20-40 Millionen Gold. Die Community hat optimale „Farming“ Techniken entwickelt, um diesen Gegenstand zu finden, aber selbst diese nehmen rund 12 Stunden in Anspruch – und es soll Spieler geben, die sich schon mehr als 100 Stunden erfolglos damit abmühen.
Ich begann meine Jagd nach Leoric’s Signet vor zwei Wochen. Ich verdiente ungefähr 5 Millionen Gold pro Woche mit dem Verkauf von Gegenständen im Auktionshaus und die Aussicht, 30 Millionen Gold für „nur“ ein Dutzend Stunden „Farmen“ bekommen zu können, war einfach zu verlockend. „Warum es bei einem bewenden lassen?“ fragte ich mich. „Ich könnte mir die Suche nach allen anderen Gegenständen sparen und einfach nur noch diesen Ring farmen, bis sein Preis merklich sinkt.“
Ich suche nun seit 17 Stunden und versinke langsam in einem Strudel des Wahnsinns.
Eine Tabelle hält meinen Fortschritt auf der Abwärtsspirale fest. Spalten von Daten, statistisch berechnete Drop Rates, Verhältnisse von Legendary Drops zu Rare Drops und eine immer länger werdende Liste von legendären Gegenständen, die ich gefunden habe, auf der aber ein Eintrag für „Leoric’s Signet” fehlt. Jeder doppelte Eintrag, den ich auf meiner Legendary Liste vornehmen muss, verhöhnt mich; jedes hörbare Aufprallen eines Legendary Gegenstands im Spiel ist eine sadistische Pavlowsche Glocke, die mir keine Leckereien, sondern einen Funken Hoffnung beschert, der jedoch sofort von der Erkenntnis abgelöst wird, dass es sich nur um einen weiteren verdammten Helm für den Mönch handelt.
Leoric’s Signet wurde zu meinem weißen Wal.
Aber seit kurzem hinterfrage ich mich selbst. Mein Ziel. Jeden Tag sehe ich, wie der Preis für Leoric’s Signet im Auktionshaus ein wenig weiter sinkt, weil Leute, die nicht ich sind, mehr und mehr Exemplare dieses Rings finden. Ich denke an die vielen Stunden, die ich damit zugebracht habe, diesen ring zu finden, und sehe mit den Preis für Gold im Echtzeitauktionshaus an. Für $9 kann ich 30 Millionen Gold erwerben. In vielen Gegenden Nordamerikas und Europas sind ungefähr $9 (oder das Äquivalent in €) der Mindestlohn für eine Stunde Arbeit. Ich habe 17 Stunden meiner Zeit investiert, um diesen Ring zu finden.
Wie viel ist meine Zeit wert?
Diese Frage führte zu größeren und wichtigeren Fragen. Warum spiele ich dieses Spiel überhaupt? Was tue ich? Ich farme für einen Gegenstand, damit ich dafür Gold erhalten kann, um bessere Ausrüstung zu kaufen, damit ich besser nach Gegenständen suchen kann, damit ich mir bessere Gegenstände kaufen kann, damit ich besser nach Gegenständen suchen kann, damit ich mir bessere…
Ich schilderte dieses Dilemma einem Freund und seine Antwort brachte alles in die richtige Perspektive. Und so klischeehaft zu klingen, meinte er: „Es geht nicht um das Ziel; es geht um die Reise.“
Bei Spielen wie Diablo und Torchlight geht es letztlich nicht um die Beute. Es geht darum, die Beute zu finden. Es geht um die Spannung der Jagd/der Suche. Es geht um die wenigen spektakulären Momente, da man den „Gott Drop“ findet, jenen Beutegegenstand, der einen entweder mächtig oder sehr reich macht. Denn besitzt man erst einmal die bestmöglichen Gegenstände, macht es eigentlich keinen Sinn, weiterzuspielen – im Fall von Diablo III heißt es dann, auf die Veröffentlichung von PvP zu warten.
In Diablo III mit echtem Geld Gold oder Gegenstände zu kaufen, ist gleichbedeutend mit dem Überspringen einiger Levels in einem First-Person-Shooter. Ich kann das Argument von Leuten verstehen, die nur sehr wenig Zeit zum Spielen haben und deshalb bereit sind, Geld zu investieren, um das End-Game erleben zu können, aber alle anderen negieren den Zweck des Spiels, wenn Sie echtes Geld ausgeben: die Jagd nach den besten Gegenständen.
Die Logik sagt mir, ich sollte aufhören, Leoric’s Signet weiter nachzujagen. Die Statistik sagt mir, dass ich meine Zeit besser damit verbringen sollte, End-Game-Ausrüstung zu „farmen“. Ich bin mir der psychologischen Konzepte von Verlustvereidung und Sunk Cost Fallacy (Verlorene-Kosten-Trugschluss) voll und ganz bewusst; ich weiß, dass ich besser dran täte, meine Verluste – 17 Stunden meines Lebens - zu akzeptieren und mich anderen Dingen zuzuwenden, anstatt an dem falschen Glauben festzuhalten, ich hätte zuviel investiert, um jetzt aufhören zu können. Dennoch werde ich nicht aufhören. Ich werde nicht aufhören, weil die Befriedigung, die ich empfinden werde, wenn ich diesen verdammten Ring endlich finde, nicht logisch quantifiziert, analysiert oder gemessen werden kann.
Denn es gibt keine Torheit der Kreaturen der Erde, die nicht von der Verrücktheit des Menschen um ein Vielfaches übertroffen würde.
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